Wenn Zahlen auf Emotionen treffen

Unternehmensnachfolge

Über Vertrauen, unausgesprochene Annahmen und das, was am Küchentisch oft fehlt

In Nachfolgeprozessen wird viel über Zahlen gesprochen – und doch oft zu wenig darüber, was sie in Unternehmerfamilien auslösen. Dieser Beitrag lädt dazu ein, Controlling und Unternehmensnachfolge nicht nur als betriebswirtschaftliche Aufgabe zu betrachten, sondern auch als einen zutiefst zwischenmenschlichen Prozess.

Claudia Hoffmann begleitet seit vielen Jahren Unternehmerfamilien in Nachfolgeprozessen. Ihr Fokus liegt dabei auf den zwischenmenschlichen Dynamiken, die Übergaben prägen: auf Rollen, Erwartungen, Vertrauen und auf Themen, über die lange nicht gesprochen wurde. In ihrem Podcast „Im Herzen Unternehmerkind“ greift sie genau diese Themen aus der Lebenswelt von Unternehmerfamilien auf.

In dem folgenden Gastbeitrag richtet sie den Blick auf genau diese Zwischentöne und darauf, wie Zahlen im Nachfolgeprozess nicht nur Klarheit schaffen, sondern auch emotionale Prozesse berühren können.

Der unsichtbare Gast am Küchentisch

In Unternehmerfamilien sitzt neben der Familie oft ein weiterer Gast mit am Tisch: das Unternehmen. Es begleitet Gespräche, Entscheidungen und Stimmungen – manchmal über Jahrzehnte hinweg. 

Auch Summen kommen am Küchentisch zur Sprache, die in anderen Familien kaum vorstellbar wären. Mit der Zeit wird dies zur gelebten Normalität – oft erst irritierend für Menschen, die neu dazukommen, etwa Partnerinnen oder Partner der nächsten Generation. Oft wird dann erst sichtbar, wie sehr Unternehmerfamilien in einer eigenen Lebenswelt zu Hause sind.

Und zudem gibt es ein Thema, das häufig nur am Rand gestreift wird: die Frage, was die Zahlen des Familienunternehmens eigentlich konkret bedeuten.

Wenn Transparenz mehr auslöst als Klarheit

Zahlen liefern Orientierung und sind eine wichtige Grundlage für Verantwortung. Gleichzeitig wirken sie im Nachfolgeprozess selten nur rational. Wenn Transparenz entsteht, tauchen häufig Fragen auf – über frühere Entscheidungen, über Selbstverständlichkeiten und über Themen, die lange nicht ausdrücklich besprochen wurden.

Das ist kein Zeichen von Fehlern, sondern eine ganz normale Reaktion, wenn Verantwortung neu verteilt wird und sich Rollen verändern.

Mit dem Unternehmen aufgewachsen – aber ohne gemeinsame Übersetzung

Viele Unternehmerkinder wachsen mit dem Betrieb auf. Sie spüren früh, wie präsent er im Familienalltag ist und wie sehr er Gespräche, Stimmungen und Entscheidungen prägt. Zu Hause wird über vieles gesprochen: über Mitarbeitende, Kunden, Sorgen und Zukunftspläne.  

Was dabei jedoch häufig fehlt, ist die Übersetzung der Zahlen. Wie liest man eigentlich eine BWA? Welche Kennzahlen sind wirklich relevant? Und was steckt hinter bestimmten wirtschaftlichen Entscheidungen? Nicht aus Absicht – sondern weil es im Familienleben selten einen passenden Raum dafür hergibt.

Im Studium oder in der Ausbildung erwerben Nachfolger:innen betriebswirtschaftliches Wissen. Und dennoch entsteht im elterlichen Betrieb nicht selten eine Irritation: Das, was gelernt wurde, passt nicht eins zu eins zu dem, wie hier gearbeitet wird. Diese Diskrepanz ist kein Mangel, sondern Ausdruck davon, dass jedes Unternehmen im Laufe der Zeit seine eigene Logik entwickelt. 

„Nicht die Zahlen selbst sind herausfordernd – sondern das, was sie in Unternehmerfamilien auslösen.“

Claudia Hoffmann

Vertrauen, das Nachfragen manchmal ersetzt

In familieninternen Nachfolgen spielt Vertrauen eine zentrale Rolle. Eltern wird vertraut, ebenso dem Lebenswerk, das sie aufgebaut haben.

Aus diesem Vertrauen heraus werden Fragen manchmal nicht gestellt, die ein externer Nachfolger ganz selbstverständlich stellen würde. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Loyalität. Erst später wird spürbar, dass Klarheit und Vertrauen sich nicht widersprechen, sondern einander sinnvoll ergänzen können.

Wie Controlling unterstützt – und warum es einen sicheren Raum braucht

Gutes Controlling bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Kontrolle, sondern Übersetzung. Es geht darum, Zusammenhänge verständlich zu machen und einen Rahmen zu schaffen, in dem Fragen erlaubt sind, Zahlen erklärt werden dürfen und niemand wissen muss, was nie gemeinsam gelernt wurde. So werden Zahlen zu einem gemeinsamen Werkzeug – und nicht zu einem stillen Prüfstein.

Gerade in der familieninternen Nachfolge zeigt sich, wie wichtig dieser Rahmen ist. Controlling entfaltet seine Wirkung dort, wo ein sicherer Raum entsteht: ein Raum, in dem Abgeber hinschauen dürfen, ohne sich rechtfertigen zu müssen, und in dem Nachfolger:innen sagen können: „Ich verstehe das (noch) nicht.“ Ein Raum, in dem Zahlen erklärt werden, ohne zu beschämen, und Orientierung geben dürfen, statt Unsicherheit oder Scham zu verstärken.

Vielleicht geht es im Nachfolgeprozess deshalb weniger um die Frage, was man früher hätte anders machen sollen, sondern vielmehr darum, wie man heute gemeinsam besser verstehen kann, was trägt – und was in Zukunft Orientierung geben soll. Familieninterne Nachfolge ist keine Due Diligence im klassischen Sinn. Und doch braucht sie dieselbe Ernsthaftigkeit – ergänzt um das Verständnis für emotionale Dynamiken, die in keiner Kennzahl abgebildet sind, aber jede Übergabe maßgeblich prägen.

LinkedIn:         linkedin.com/in/claudia-hoffmann-mentorin

Podcast: 

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